Über die Freude am Zensurengeben

Konnte mich leider nicht überzeugen, habe es abgebrochen“, schreibt eine Leserin im Internetportal Lovelybooks über Lutz Roman „Das Ilona-Projekt“. Mehr als diese kargen Worte hat sie nicht dafür übrig. Meint es sicher nicht böse, dennoch bestraft sie den Autor mit zwei von fünf Sternen.

Jeder gibt zu allem und jedem seinen Senf ab. Für die Arbeit eines Schriftstellers wäre es stattdessen wichtig zu erfahren, was genau ihr nicht gefällt, was sie sich anders gewünscht hätte und an welcher Stelle sie dachte, jetzt mag ich nicht mehr.

Bei www.tatort-fans.de geben Fernsehgucker Kommentare ab:

Echt geil!

Extrem doof.

– Grottenschlecht

Hammer. Saugut.

Argumente sind selten. Besonders häufig beurteilen diese Zuschauer Schauspielerleistungen: Karow wird besser, finde ich, Rubin könnte noch was stärker sein, sie wackelt noch zu viel.

Allgemein, ahnungslos, von oben herab. Grundhaltung ist: Die Kultur-Macher sollen gefälligst produzieren, was das Publikum mag.

Als ich zum ersten Mal hörte, dass die Bild-Zeitung Fußballspielern nach jedem Spiel Zensuren gab, habe ich gelacht. Inzwischen hat sich das Zensurengeben seuchenartig ausgebreitet; überall begegnet es mir. Ich habe gegen Zensuren lange gekämpft als Antiautoritäre – ich wollte selber denken und diskutieren.

Zensurengeben ist ein Denkmuster, das wir verinnerlicht haben. Wir lassen die Kunst nicht an uns heran, sondern tun als wüssten wir sowieso alles besser. So als wären unsere Wertungen allgemeingültig und würden sich von selbst verstehen. Die Wirkung der Kunst beruht ja darauf, mal nicht den Wertungen des Alltags zu unterliegen. Freiheit, die zum Nachdenken führen kann. Wer eine schnelle Meinung zur Kunst raushaut, bevor sie wirken kann, verzichtet auf Erfahrung, Verständnis, Veränderung. Traurig.

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Hurra in Leipzig

Gerade rollten wir unsere Koffer in die Halle des Leipziger Hauptbahnhofs, da rief plötzlich eine Männerstimme:

– Herr Flörke! Herr Flörke.

Nanu? Wer weiß denn, wer hat denn, wer ist das denn?

Ein dick eingepackter Mann mit Bart und Mütze.

– Ansgar Köb, stellt er sich vor.

– Sie sehen so anders aus, sage ich.

– Das liegt an der Mütze.

Er zieht sie ab. Jetzt ähnelt er dem Foto auf der Website des Verlags „duotincta“. Lutz Roman „Das #Ilona-Projekt“ soll im September dort erscheinen. Den Mann neben ihm kenne ich nicht, aber, wie sich herausstellt, sein Buch. Es ist Wolfgang Eicher aus Wien („Die Insel“), ebenfalls angereist zur Buchmesse.

Bernhard Schlink sei schon eingetroffen, jetzt auch wir. Die beiden von „duotincta“ warten auf Jürgen Volk, mit dem sie heute noch den Stand aufbauen wollen. So herzlich willkommen gleich hier auf dem Bahnhof – schon fühlen wir uns heraus- und aufgehoben.

Erster Buchmessentag

Wir drehen unsere erste Runde durch die Hallen, in diesem Jahr mit einem Fixpunkt in all dem Gequirl aus Menschen und Geschäften, dem Stand „unseres“ Verlages.

Kaffeetrinken und Quatschen mit Kollegen. Birgit Rabisch ist da, Bernd Martens, Daniel Breuer… Verleger Jürgen Volk kommt dazu:

– Schön, dass Ihr da seid. Wir duzen uns doch, oder?

Er zeigt uns die Verlagsvorschau = 4 (!) Seiten über „Das Ilona-Projekt“, das – toi, toi, toi, für im September angekündigt ist:

„Lutz Flörke legt in seinem vielschichtigen Debüt einen Roman über die zeitgenössische Sehnsucht nach einem Leben als Hauptperson und den Hunger nach Geschichten vor. Skurril und von grotesker Komik.“

Ist schon toll, sich selbst so vorgestellt zu sehen.

Abends im Gewölbekeller einer Kneipe die erste Veranstaltung: Autoren/innen von vier unabhängigen Verlagen lesen aus ihren Veröffentlichungen.

Birgit Rabisch stellt ihren neuen Roman „Putzfrau bei den Beatles“ vor, ganz frisch aus dem Druck. Schade, dass der Titel nicht uns eingefallen ist. Es geht um eine WG von vier altgewordenen 68ern, die einst zusammen in einer Band gespielt haben. Die Beatles waren sie leider nicht, trotzdem reden sie sich mit Ringo, George, John und Paul an. Nun engagieren sie eine junge Putzfrau, und dann taucht noch ein angeblicher Enkel auf… Trotz des unterhaltsamen Titels macht das Buch nicht nur Spaß, sondern es ist auch richtig kluge Literatur.

Was macht Literatur zur Dichtung? Wenn sie über sich selbst nachdenkt, über ihren Sinn und Zweck, ihr Ziel und ihre Möglichkeiten. Dichtung sucht nach Wegen aus dem Selbstverständlichen, denn nur, was sich nicht von selbst versteht, kann geändert werden.

Die altgewordenen „Beatles“ stehen vor dem Problem, Popkultur, Glamour und ewige Jugend lügenlos zu verbinden mit der Notwendigkeit von Alltag, Ökonomie und Älterwerden.

Wolfgang Eichers neue „Freiheitsstatue“ klingt ebenso skurril wie sein letzter Roman, den ich in einem Zug durchgelesen habe. Sein Faible für abseitige Liebesgeschichten gefällt mir. Die Duotincta-Autoren Daniel Breuer und Kathrin Wildenberger entwerfen ebenfalls höchst eigene Erzählungen. Ich freue mich, in einem Verlag gelandet zu sein mit so unterschiedlichen und zugleich so guten Autoren.

Wir hätten gern mehr gehört, aber schließlich wollen Bücher ja auch daheim und in aller Ruhe gelesen werden. Wir erwerben ein paar Bände. Dann sind die Köpfe übervoll und wir können noch lange nicht schlafen. So aufregend kann die Buchmesse sein.

Zweiter Buchmessentag

Am Abend präsentiert Kathrin Wildenberger, die in Leipzig lebt, im Thalia Buchhaus ihren neuen Roman „ZwischenLand“. Wir ergattern die vorletzten Sitzplätze. Eine Geschichte über junge Leipziger Hausbesetzer, übers Erwachsenwerden in der unmittelbaren Nachwendezeit, jederzeit bedroht durch die Nazis.

Hinterher beim Italiener ziehen wir über eitle junge Dichter her, Männer, die glauben, sie könnten dem Widerspruch zwischen ihrem Verlangen und dem Alltag entkommen, indem sie predigen. Sie plustern sich auf, sagen dann aber doch nur, was alle eitlen jungen Männer sagen, ob Dichter oder nicht: Die Welt ist schlecht, aber vor diesem Hintergrund wirke ich umso großartiger.

Müde, aber aufgekratzt fallen wir ins Bett. Gut, dass wir morgens ausschlafen können.

Letzter Buchmessentag.

Noch einmal zum Stand des Duotincta-Verlags.

Jürgen entwickelt mal eben weitere Ideen für die Werbung zu Lutz neuem Roman und entwirft zusammen mit Vera ein Konzept. Dann das große Abschiednehmen. Und Termine machen. Und Adressen austauschen. Und, und, und.

Das war die aufregendste Buchmesse unseres Lebens. Aber die nächste wird bestimmt noch…

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Dumm und zufrieden

Dummheit ist einfach, abweichendes Denken schwer. Didier Eribon formuliert das so:

„Hergebrachte Empfindungen und peinliche Vorurteile können in unserem Alltagsleben auch dann noch weiterleben, wenn wir sie reflexiv zu analysieren und aufzulösen versuchen. (…) Mit dem eigenen politischen Denken übereinzustimmen ist wahrscheinlich unendlich viel leichter, wenn man konservativ ist und sich der Ordnung der Dinge anschließt, als wenn man die Strukturen der Welt, in die man ganz zwangsläufig eingebettet ist, und auch das eigene Selbst verändern will. (Im ersten Fall genügt es einfach, dumm und mit seiner eigenen Dummheit zufrieden zu sein: Man lässt sich in die gesellschaftlich autorisierte Dummheit fallen, die nur als ein „Denken“ erscheinen kann, weil sie so weit verbreitet ist und deshalb den Erwartungshorizont bestimmt.)“
(Gesellschaft als Urteil, Berlin 2017, S. 66f.)

Dummheit geht einher mit falscher Selbstsicherheit. Ein dummer Mensch schmiegt sich herrschenden Sprechmustern an und feiert, dass alles sich von selbst versteht.

Ich leide unter der Selbstverständlichkeit. Neulich sprach mich einmal mehr ein Kursteilnehmer an: Autoren schreiben doch für ihr Publikum, oder nicht?

Anders formuliert: Autorinnen und Autoren sollen gefälligst so schreiben, dass wir sie verstehen.

Naja, sage ich, wenn ich meinen Freunden und Nachbarn etwas mitteilen möchte, dann sag ich’s direkt. Oder ich schicke eine Mail. Dafür brauche ich keine Literatur.

Kommunikation bedeutet allerdings auch Anpassung. Die Macht der Kommunikation und des Gegenübers sind stärker als mancher meint. Sätze sind verständlich oder besser: selbstverständlich, wenn sie sich dem allgemeinen Sprachgebrauch anschmiegen. Mein Schreiben ist ein Versuch, mir einen eigenen Echoraum zu schaffen gegen Machtverhältnisse in der Sprache und in der Welt.

Wenn ich dichte, taste ich mich ins Noch-nicht-Formulierte vor, das nicht völlig der sprachlichen Normierung unterliegt. Ich spüre  versteckten Bedeutungen nach, erforsche das geheime Leben von Schichten, Klassen, Gesellschaften, die sprachlichen Machtverhältnisse. Manchmal entdecke ich unformulierte eigene Interessen. Gelegentlich wird mir die Sprache so fremd, dass ich stammle. Wenn ich von dem erzähle, was ich noch nicht genau aussprechen kann, beginne ich ein Kapitel zehnmal – und es ist immer falsch.

Dummheit ist einfach, Dichten schwer.

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Schwitters und ich

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir!
Kurt Schwitters Texte faszinieren mich schon seit 30 Jahren. Sie werden mir nie langweilig.
Ewig währt am längsten.
Mit diesen Texten habe ich mich immer wieder beschäftigt als Autorin und Literaturperformerin.
Lucie, du liebst mich nicht? Wohl weil ich ein Frisör bin?
Sogar beim Stadtpark-Spaziergang und bei unserer Luftfahrtlesung zum Thema „Fliegen“ habe ich ein Gedicht von ihm untergebracht.
Der Tod hat rote Beinchen, das Leben grüne.

Ist er mein Vorbild?
Hmm … Ich schreibe nicht wie er. Ich bin kein Mann. Ich bin auch kein Fan. Er ist mir fremd, und trotzdem oder gerade deshalb fasziniert mich seine Kunst.
Jedes Mal, wenn ich mich wieder mit Schwitters beschäftige, wie für dieses Programm entdecke ich Seiten von ihm, die mir früher entgangen sind oder die ich schon einmal verstanden und wieder vergessen habe.

Eine hatte ich ganz ausgeblendet:
Den Werbemenschen Schwitters.
Er hat nicht nur für Pelikan Reklame gemacht, sondern auch für seine Vortragsabende.

Dies ist ein von ihm entworfener Einladungszettel für einen MERZ-Vortragsabend. Links an der Seite steht:
Bitte sagen Sie es Ihren Freunden und Bekannten und senden Sie mir recht viele Adressen.
Man fasst es nicht! Das schreibt er da hin. Ganz schlicht.
Mir ist Werbung zuwider. Für mich selbst Werbung machen – grauenhaft! Ich breche mir sämtliche Verzierungen ab, und der fordert die Leute auf, ihm Adressen zu schicken …!

Eine andere Seite von Schwitters Persönlichkeit ist
Der Vortragskünstler
Auch den veranschaulicht diese Einladung.
Er ist mir von Anfang an sympathisch gewesen. Kurt Schwitters ist einer der wenigen Schriftsteller, für den das Vortragen eine große Rolle spielt. Er reiste kreuz und quer durch Deutschland, Holland und sogar nach Prag; in seiner Wohnung veranstaltete er alle 14 Tage MERZ-Abende. Das hat mich bestärkt in meinem eigenen Rezitationsdrang.

Die klangliche Dimension der Texte spielt eine wichtige Rolle. Sie entfalten ihre Wirkung besonders, wenn man sie hört, denn sie sind für den Vortrag gemacht und viele Male vorgelesen worden. Was man ihnen anmerkt. Ich denke, man spürt das heute Abend.
Wir lieben es, unsere Texte in den Mund zu nehmen, sie klanglich zu gestalten und sie aktiv einem Publikum zu präsentieren. Also nicht bloß unfallfrei runterlesen. Erst im Vortrag erfüllt sich das Gedicht. Für die Zuhörer ist klangliche Gestaltung eine Chance, ins Sprachspiel einzusteigen, sich nicht nur abfüttern zu lassen.

Eine dritte Seite von Kurt Schwitters hat mir schon immer eingeleuchtet:
Sein Humor.
Humor ist eine heikle Angelegenheit. Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen davon, was das sei.
In den Augen meines Vaters waren es Heinz Rühmann, die Büttenreden bei Mainz wie es singt und lacht oder diese Kugelschreiber, wo einer Frau der Badeanzug runterrutschte, wenn man sie umdrehte.
Meine Lehrer reagierten auf diese Vorstellungen von Humor, indem sie ihn pauschal verachteten. Irgendwie hatten sie auch Recht, aber nur irgendwie. Weil ein Teil des Publikums sehr schlichte Vorstellungen vom Komischen hat wie mein Vater, behaupteten sie pauschal, das Komische sei nichts wert. So haben ihnen ihre sozialen Vorurteile den Blick getrübt.
Hinzu kam ein Missverständnis, das seit Jahrhunderten durch die Literaturgeschichte geistert: Die Meinung, das Komische sei weniger wertvoll als das Tragische. Manche halten Komik für unschön. Die Gebildeten haben sich da oft auf Aristoteles berufen, von dem nur knappe, fragmentarische Äußerungen zur Komödientheorie überliefert sind. Er schrieb,  die Komödie sei eine nachahmende Darstellung von niedrigen Charakteren, und das Lächerliche sei ein Teil des Unschönen.
Schiller hat versucht, das Komische aufzuwerten. Mit einer interessanten Argumentation. Er sagt, da das Komische sich mit dem wirklichen Leben beschäftigt, sei es der Gefahr der Plattheit ausgesetzt. Das verlange dem Autor ein Höchstmaß an ästhetischen Fähigkeiten ab, die Tragik hingegen sei eigentlich viel einfacher, sie trage einen empor. Aus Schillers Sicht ist es schwieriger, einen komischen Text zu schreiben als einen tragischen.
Ich hingegen habe von Dichtern wie Heinrich Heine oder Kurt Schwitters gelernt, dass Humor ein Lebensmittel sein kann.
Schwitters Lachen ist frei von Häme und Zynismus; er hat nichts Ätzendes. Ein freundlicher, warmer, selbstironischer Witz. Über-sich-selber-Lachen ist ja eine harte Nummer für Kleinbürger, die sich schwer plagen mit der Angst, nicht ernst genommen zu werden.

Der Kleinbürger Schwitters
In dieser Einladung gibt es übrigens noch zwei weitere interessante Details.
Rechts am Rand steht:
•     Beginn 20 Uhr30 Min. (womit nicht 21 Uhr gemeint ist)
Mich nervt es auch, wenn zwei Minuten nach Beginn der Vorstellung noch jemand hereinplatzt. Das stört natürlich sehr. Aber der erhobene Zeigefinger ist rechthaberisch.
•     Sagen Sie es nachher allen, wie nett es gewesen ist!
Kleinbürger lieben es, wenn etwas nett ist …
Auch aus Schwitters wohl berühmtestem Gedicht An Anna Blume spricht ein Kleinbürger. O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne … lautet der Anfangssatz. Das ist schwer pathetisch, allerdings ironisiert. Der kleine Mann, wenn er von Gefühlen spricht, neigt zum Pathetischen, und er wird gern sentimental. Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier … Auch das Kleinbürgerlich-Sentimentale ironisiert Schwitters, und trotzdem oder gerade deshalb tropft es uns den Rücken runter wie weiches Rindertalg.
Der Kunsthistoriker Werner Schmalenbach erklärt den großen Erfolg von Anna Blume so: Schwitters selbst war nicht frei vom Kleinbürgerlichen und Sentimentalen. Das gibt dem Gedicht (…) den Charme, die Echtheit und wohl auch die besondere Zündkraft. Schwitters verulkte eben die Welt des Kleinbürgers nicht nur, sondern verstand sie aus eigener Nähe und Familiarität.
(Werner Schmalenbach: Kurt Schwitters, Prestel-Verlag, München, 1984, S. 215)

Wie wahr!
Wir Kleinbürger sind so piefig, miefig, voll Ressentiment, und immer müssen wir mit unseren Zeigefingern in der Luft herumfuchteln. Grauenhaft! Und dieser Schwitters spielt damit! Mit schöner Leichtigkeit…! Chapeau!

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Wir machen „Lust auf Erzählen“…

…im Kulturhaus Eppendorf

(aus unserer Moderation):
Lutz   Heute möchten wir vom Erzählen erzählen. Alle erzählen ständig. In einem Buch habe ich gefunden, Erzählen sei ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen.
Vera   Im Unterschied zu anderen Tieren.
Lutz   Auch das Modewort Narrativ hat damit zu tun. Ein Narrativ ist nichts anderes als eine Erzählung, genauer vielleicht: ein erzählerisches Muster.
Es gibt ein Narrativ des Erfolgs, ein Narrativ der Leidenschaft …
Vera   … des Fortschritts, des Westens, der Kultur …
Lutz   Das heißt, es gibt jeweils ein bestimmtes Muster, an das man sich hält, wenn man über Leidenschaft, Kultur oder was auch immer redet.
Vera   Manche Leute verwechseln das Muster mit der Wirklichkeit. Das ist der Haken. Leider.
Lutz   Dass man so viel über Narrative redet, hat sicher damit zu tun, dass sich Welt so stark und so rasch verändert. Ständig begegnet man Menschen mit anderen Narrativen, etwa Leuten mit anderem kulturellen Hintergrund. Das ist schon bei uns im Haus so. Also, unsere Nachbarn aus dem vierten Stock und wir befinden sich nicht immer im selben Narrativ, etwa, wenn es um Literatur geht.
Vera   Wir wollen jetzt nicht weiter in die Theorie einsteigen, sondern uns mit literarischem Erzählen im engeren Sinne beschäftigen.
Lutz   Es geht um Texte, in denen Geschichten erzählt werden, sogenannte fiktionale Texte. Was bedeutet fiktionaler Text? Eine Fiktion ist eine Erfindung.
Ein erzählerischer Text ist nicht wie Wirklichkeit, also „BLOSS ausgedacht“.
Sondern er ist – Achtung! – AUSGEDACHT! Das ist seine besondere Qualität. Hier wird nicht über etwas geschrieben, was geschehen ist.
Vera   Sonst wäre es ja eine Reportage oder ein Bericht …
Lutz   Als Schriftsteller muss ich mich nicht an das halten, was geschehen ist. Ich gewinne dadurch eine große Freiheit, der Sprache nachzulauschen. Ihre Möglichkeiten auszuloten.
 Vera   Ein Wort gibt das andere. Sprache entwickelt eine Eigendynamik. Es geht also nicht nur um das, was wir mit Sprache machen, sondern auch um das, was die Sprache mit uns macht.
Lutz   Deshalb kann eine Erzählung auf besondere Weise Schreiben, Sprechen, Denken reflektieren. Das ist ein Plus gegenüber der Reportage.
Wir als LeserInnen sind eingeladen, darüber nachzudenken, wie mit sprachlichen Mustern und erzählerischen Mitteln der Eindruck von Wirklichkeit erzeugt wird.
Vera   Fiktionales Erzählen kann sich kritisch verhalten gegenüber den gewohnten und gewöhnlichen Narrativen, die gern mit Wirklichkeit verwechselt werden.

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Jahres-Rückblick

Silvester naht;  Zeit für einen kurzen Rückblick.

2017 war ein gutes Jahr.

Im März startete unser Poesielabor-Blog, mit dem wir für mehr literarische Diskussion sorgen möchten.

Im Sommer lief die Crowdfunding-Aktion für unsere „Traumwohnung“, bei der uns viele freundlich unterstützt haben. Dafür herzlichen Dank. Die Behörde für Kultur und Medien gab noch ein wenig hinzu; auch ihr möchten wir danken.

Das wichtigste Ereignis 2017 war für uns denn auch die Premiere im Monsuntheater. Wir saßen als Autoren auf der Bühne, schauten zu, wie unsere Hauptfigur theatralisch zum Leben erwachte, kommentierten das Geschehen und liehen Mumie und Blumenmann unsere Stimmen. Die Vorstellungen waren sehr gut besucht, eine sogar ausverkauft. Viele schreibende Kolleginnen und Kollegen saßen im Publikum, ebenso Bekannte vom Theater. Wir wussten: Jetzt sind zurück in der Hamburger Szene.

Dazu passt, dass Lutz einen Verlag gefunden hat, der im kommenden Jahr seinen ersten Roman herausbringen wird, „Das Ilona-Projekt“. Die beiden Verleger von duotincta engagieren sich sehr für Gegenwartsliteratur, die nicht mit dem Mainstream schwimmt.

Im Oktober schließlich waren wir zum letzten Mal mit einer Literaturreise unterwegs. Es war schon ein bisschen traurig. Aber nach mehr als 20 Jahren Reisefirma rückt das Schreiben wieder ins Zentrum unseres Lebens. Jetzt oder nie. Wir möchten nicht in ein paar Jahren zurückblicken und uns sagen: Hätten wir damals mal!

Spaziergänge, Kurse und Literarische Salons laufen selbstverständlich weiter.

Für 2018 wünschen wir uns, dass wir möglichst viele literarische Projekte zu Ende bringen. Zwei Romane und ein Theaterstück wollen geschrieben werden. Wir sitzen dran.

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Lesedrama und Prozess

Wir inszenieren unsere Traumwohnung als Lesedrama.

Das Lesedrama ist eine eigene Form der szenischen Lesung. Zwei Autoren und eine Schauspielerin begegnen sich im Text, und bringen das Ergebnis auf die Bühne.

Die beiden Autoren werden mit den eigenen Figuren konfrontiert. Die Hauptperson Gabi verselbständigt sich nach und nach. Ist sie noch die, die sie erfunden haben? Oder hat sie längst das Ruder übernommen und erzählt ihre eigene Geschichte? Auf die Bühne kommt nicht nur das Stück, sondern die besondere Beziehung zwischen Dichter, Sprache und Figur. Haben wir uns das so gedacht? Nee…

Bei einem Probengespräch unterhielten wir uns darüber, was das Besondere an einem Lesedrama ist.

Lutz: Für mich ist das Lesedrama eine Form zwischen Lesung und Theater. Das Reizvolle ist, dass ich als Autor mit auf der Bühne sitze. So findet das Drama nicht nur zwischen den Figuren im Stück statt, sondern auch zwischen mir und dem, was die Schauspielerin mit unserer Figur anfängt, indem sie sie zu ihrer macht.

Saskia: Meine Definition von Lesedrama ist, dass zwangsläufig ein Drama entstehen muss, wenn Autoren mit auf der Bühne sind und sich die Figuren verselbständigen.

Lutz: Nö, irgendwie nicht. Ich sitze eher staunend davor und bekomme mit, was du daraus machst.

Mir gefällt, wenn die Figuren sich verselbstständigen. Ich finde es absolut schön. Das tun sie schon bei mir im Kopf, wenn ich einen Text lese, den ich geschrieben habe. Gerade wenn der abgelagert ist, erkenne ich die Personen oft nicht wieder. Manchmal frage ich mich, hast du das geschrieben? Das empfinde ich als angenehm.

Saskia: Also ist das Lesedrama eigentlich eine Momentaufnahme: Hier der Autor und dort die Figuren an diesem Tag mit diesem Text.

Lutz: Ich habe nicht die Vorstellung, ich hätte ein „Werk“ geschrieben. Der Prozess geht ja weiter. Ich denke nicht wie manche Autoren, die sagen: Das ist jetzt gedruckt, das ist fertig. Ich korrigiere immer weiter, schreibe um für die nächste Lesung. Oft lese ich etwas anderes vor als das, was im gedruckten Buch steht.

Im Grunde ist unser Lesedrama ein Ausschnitt aus unserem Produktionsprozess, der tendenziell unendlich ist.

 

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Gabis Sprache

Dies ist meine Wohnung. Hier darf keiner rein, außer er ist Gabi. Nur für mich allein. Ein Traum von einer Wohnung. Ich hab sie ergattert. Ich! Gabis Wohnung ist ein Traum. Die Wohnung ist ein Sieg. Gabis Wohnung, Traum und Sieg.

So spricht Gabi. Wir haben eine Kunst-Sprache für sie erfunden. Wir wollen nicht Jargon nachbilden, keine Klischees reproduzieren, die wir aus dem „Unterschichtenfernsehen“ kennen. Gabis Sprache ist aufgeraut = stilisiert und rhythmisiert; so kann man ihr zuhören, ohne gleich abzuwinken: Ach, so eine.

Gabi spricht, wie eine Frau ihrer sozialen Stellung vielleicht sprechen könnte, wenn sie sich die Zeit nähme (und man sie ihr ließe), und wenn ihr die Umgebung genügend Aufmerksamkeit schenkte. Eine Nacht lang machen wir es möglich.

Wir nehmen die Geschichten unser Figur ernst, billigen ihnen poetische Qualität zu.

Die Künstlichkeit der Sprache betont, diese Redeweise ist erfunden, ebenso wie die Figur. Wir maßen uns nicht an, Menschen zu kopieren; wir machen Kunst.

Glück gehabt und zugepackt. Ich habe nicht nur Glück, ich packe zu. Wer zupackt, der ist tüchtig. Glück haben kann jeder mal. Aber zupacken … zuschnappen …! Gabis Wohnung ist ein Schnäppchen, Sieg und Traum.

 

 Saskia Junggeburth als Gabi

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Was mich an Gabi fasziniert

 

Ich habe „Gabi“ persönlich gekannt. Zwei Jahre lang traf ich sie jede Woche, eigentlich zu einer Arbeitsbesprechung. Tatsächlich überschüttete sie mich mit Geschichten, alle selbst erlebt. Sie war eine große Erzählerin.

Ich saß da mit offenem Mund und konnte kaum glauben, was sie erzählte und mehr noch, wie sie erzählte. Von Ralf, der die Traumwohnung verwüstet und sie damit allein gelassen hat, von ihrem Ehemann, der die Kinder zu Hause einsperrte und davon, wie er sich aufgehängt hat, unter sich Briefe ans ganze Dorf. An Verwandte und Bekannte, an den Bürgermeister und den Pastor und den Polizisten. Alle sollten sehen, wie Gabi ihren Mann behandelt hat.

Ihre Geschichten balancieren zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Je schmaler der Grat, desto mehr faszinieren sie mich.

Die verwüstete Altbauwohnung, in die sie und ihre Erzählungen so gut hineinpassen, kenne ich aus einem anderen Stück Wirklichkeit, ebenso den Blumenmann, die männliche Gegenfigur.

Als Lutz hinzukam, ist ein Stück daraus geworden, weil er die Mumie erfand. Auch sie inszeniert das eigene Leben als Drama. Sie ist Gabis Publikum auf der Bühne und unterstützt sie als Co-Autorin und Regieassistentin.

Auch sie erzählt abenteuerliche Geschichten aus ihrer Ehe mit dem Pharao, von der Begegnung mit Napoleon, von dem englischen Lord, der sie nach London entführte, und von dem kläglichen Ende mit dem Kleinstadt-Apotheker in Bad Oldesloe.

Dreieinhalb Jahrtausende Erfahrungs-Vorsprung verleihen nicht nur ihr mythologische Würde; sie strahlen aus auf Gabi.

Man könnte die Geschichten sehr anders erzählen – von außen. Zum Beispiel als sozialkritische Reportagen oder als Belege für weibliche Ohnmacht; aber im Scheinwerferlicht der Baulampen inszeniert sich Gabi als Star, nicht als Opfer.

Saskia Junggeburth als Gabi

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Texte gibt es schon genug

 

Texte gibt es schon genug. Es geht nicht darum, noch einen ordentlichen Satz zu formulieren und noch einen.

Dichten heißt, mit literarischen Mitteln über Sprache und Sprechen nachdenken.

Wir verhalten uns kritisch zu dem, was sprachlich schon da ist, sehen uns in einem historischen Zusammenhang von Texten, die schon geschrieben worden sind. Unser Bezugspunkt ist die literarische Avantgarde des 20. Jahrhunderts.

Gegen die Überhöhung der Hochkultur wehren wir uns ebenso wie gegen deren Verachtung. Wir sind gegen Bildungsbluff, aber auch gegen Bildungsfeindlichkeit.

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Zwei Autoren mit drei Schreibweisen

Traumwohnung ist ein Stück, das wir zusammen geschrieben habe. Wir sind zwei Autoren mit (mindestens) drei Schreibweisen. Das heißt, Vera schreibt, wie sie schreibt, Lutz schreibt, wie er schreibt – und dann gibt es unsere Kollektivtexte, die wir gemeinsam schreiben. Die klingen ein bisschen wilder, ein bisschen spielerischer.

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Es muss nicht immer alles praktisch sein

Gerade ist die aktuelle Evaluation meiner Tätigkeit bei der Volkshochschule eingetroffen. Einmal im Semester werden die Besucher gebeten, meine Kurse zu bewerten. Von „Fachkompetenz“ über „Verständlichkeit“ bis zum „Umgang mit der Gruppe“ ergab das im Durchschnitt eine 1. Danke.

Auffällig ist allerdings der Ausreißer bei „Verwendbarkeit im Beruf“. Beim Literaturkurs 2,5, beim Theaterkurs sogar nur eine 3.

Nun ist es sicher nicht falsch: Literatur und Theater sind in beruflicher wie privater Praxis meist nicht unmittelbar verwendbar. Ich denke, es ist das Beste an Literatur und Theater, dass sie unpraktisch, ja manchmal sinnlos sind.

Verwendbar und nützlich ist alles, was uns in der Praxis weiterhilft. Wir alle müssen praktisch und verwendbar sein. Jede praktische Tätigkeit, ob in Beruf, Familie oder mit Freunden erfordert, dass wir uns auf sie einlassen. So bindet sie uns ein, sie bindet uns aber auch an. Und Praxis ist ja nicht Praxis, weil sie nicht anders sein könnte, sondern weil wir uns an sie gewöhnt haben.

Literatur und Theater sind unpraktisch. Das ist ihre besondere Qualität. Sie führen zu nichts. Stattdessen bieten sie unseren Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken einen besonderen Spielraum. Wenn ich ein Gedicht oder einen Roman lese, muss ich nicht sofort entscheiden, was für einen Sinn sie haben. Im Gegenteil: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (F. Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen)

Selbstverständlich kommen wir nicht wirklich raus aus der Praxis. Der ästhetisch spielende Mensch öffnet sich der lebendigen Erfahrung, dass die Praxis anders sein könnte als sie ist. Er kann ihr zwar nicht entgehen, aber er muss sie nicht auch noch fraglos akzeptieren. Er kann sich Fragen stellen, etwa:

Was könnten Arbeit, Liebe, Bildung jenseits der bestehenden Verhältnisse bedeuten?

Sogar für den Beruf oder das Beziehungsleben kann die Nutzlosigkeit ein Gewinn sein, denn sie schafft Abstand zu dem, was sich von selbst versteht. Und den brauchen wir alle. Immerzu.

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Liebe und Poesie

„Die Poesie wird im Bett gemacht wie die Liebe“, schreibt der surrealistische Dichter André Breton. Liebe beginnt damit, dass die Liebenden aus dem Alltag aussteigen. Was dort seinen Sinn hat, ist hier nicht wichtig. Um Sinn geht es nicht, sondern um die pure Anwesenheit, die Präsenz von Körpern und Äußerungen. Die Liebenden verständigen sich mit Blicken, Berührungen, Halbsätzen, Stöhnen…

Liebeserklärungen sind meistens peinlich. Da wird versucht, das einzigartige Ereignis dem gewöhnlichen Sinn, der üblichen Sprache unterzuordnen.

Das Schönste an der Liebe, dass sie die alltägliche Bedeutung der Menschen und Situationen hinter sich lässt, geht dabei verloren. Es sei denn, die Liebenden sind DichterInnen. Dann kann es gelingen, den eignen Horizont zu erweitern.

Mit der Poesie verhält es sich ähnlich. Die poetische Sprache entfernt sich vom gewöhnlichen Sinn, spürt Klängen nach, ungewöhnlichen Wortfolgen, eigenartigen Satzstrukturen und fremden Inhalten. Sie gerät in Bewegung, bewegt sich im Widerspruch zwischen Alltagssprache und Sprachkunst. Beiden öffnen sich neue Perspektiven; verändertes Sprechen, gewandelter Sinn kann sich entwickeln. Kann. Das funktioniert aber nur, wenn wir das Leseerlebnis nicht kurzerhand dem anpassen, was wir schon kennen, unseren Gewohnheiten, unserem bisherigen Erfahrungshorizont.

Liebe und Poesie können sich neu verständigen über den Sinn von Wörtern und Beziehungen.

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Traumwohnung

Das war unser erster Drehtag fürs Pitch-Video zu unserem Stück „Traumwohnung“. Traumhafte Bilder:

https://www.facebook.com/fraujunggeburth/posts/1647487731934534

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An die Kunstrichter

 

Gotthold Ephraim Lessing:

An die Kunstrichter
        Schweigt, unberauschte, finstre Richter!
        Ich trinke Wein, und bin ein Dichter.
        Tut mir es nach, und trinket Wein,
        So seht ihr meine Schönheit ein.
        Sonst wahrlich, unberauschte Richter,
        Sonst wahrlich seht ihr sie nicht ein!

Der Dichter schafft im und aus dem Rausch. Er berauscht sich am Wein, an seiner Schaffensfreude, am geselligen Austausch, wenn er sein Gedicht vorträgt, nicht zuletzt an der Eigendynamik der Sprache.

Nur wer sich auf den Rausch einlässt, kann das Kunstwerk verstehen. Die anderen wissen gar nicht, worum es geht.

Normalerweise trauen sich Kritiker nicht wirklich in die rauschhafte Nähe des Objekts ihrer Kritik. Kühl und distanziert wird der fremde Gegenstand betrachtet; so haben wir es in der Schule gelernt. Viele Jahre haben wir trainiert, von oben und von außen auf das Werk herabzublicken. Dafür haben wir gute Zensuren gekriegt. Und es ist verdammt schwer, von dieser Haltung wieder herunterzukommen.

Diese Art des Urteilens geht der Dichtung aus dem Weg. Die Möglichkeiten eines Textes, sein Potenzial, seine Stärke sehen wir auf diese Weise nicht, sondern beschränken uns auf seine angeblichen oder wirklichen Schwächen, auf‘s Klein-Klein. Nur leider ist die Kunst dann tot.

Wie Friedrich Schlegel schreibt: Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden.

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Lieber mit Literatur reden als darüber

Hannover, Gaststätte „Entenfang“. Im „Clubzimmer“ tagt der literarische Gesprächskreis meiner Schwester. Ein Jungautor liest Kolleginnen und Kollegen aus seinem Romanprojekt vor: „Die Reise ins Innere der Außenwelt.“ Der Held Maldewin kämpft gegen die brutale Gemeinschaftsideologie einer mittelalterlichen anmutenden Stadtgesellschaft, in der es allerdings bereits Elektrizität gibt. Die für die Stromerzeugung zuständigen Elfen planen einen Aufstand.

Jeder rund um den Tisch, ich eingeschlossen, tritt dem Schriftsteller sofort mit der eigenen Meinung nahe. Technische Fragen werden aufgeworfen, eigene Rezeptionsbedürfnisse formuliert („Mir ist der Protagonist zu unsympathisch.“). Es geht um Erzählperspektive, Vor- und Nachteile von Rückblenden, um den Inneren Monolog – ja, nein, was bringt‘s? Es zeigen sich Vorlieben, Ansichten, Maßstäbe und vor allem die Lust, Ratschläge zu erteilen.

Da wird nach Grammatik-, Schreib- und Ausdrucksfehlern gesucht, nach Ungeschicklichkeiten, Wiederholungen, argumentativen Lücken – als ob wir alle nichts Besseres zu tun hätten, als Lehrer zu spielen oder den geschmäcklerisch verwöhnten Bücher-Gourmet, was offenbar gut zusammenpasst. Und oft genug geht es allein um soziale Distinktion: Sage mir, was du gut findest und ich sage dir, wo du in der Gesellschaft stehst.

Was soll der arme Autor mit diesem Wust an Einwänden und Vorschlägen anfangen? Ich denke, am besten nichts.

Wenn ich schreibe, versuche ich, Abstand zu gewinnen von gewohnten Mustern. Die Selbstüberwachung im Kopf, auch ich bin literaturkritisch fehlsozialisiert, dränge ich zurück. Dabei sollte mich das Publikum unterstützen!

Ich probiere etwas aus, und nicht immer ist das Ergebnis so, wie ich es mir vorgestellt habe. Es entstehen Texte, mit denen ich zufrieden bin oder nicht, die ich verbessere, umschreibe, neu schreibe, bis ich selbst überrascht bin, wohin mich die literarische Arbeit gebracht hat.

Dann sitzen da wieder Zuhörer mit der alten Frage: Sollte ein Dichter nicht fürs Publikum schreiben?

Die übliche Art und Weise über Literatur, Dichter und das Schreiben zu reden, besteht darin über sie zu reden, nicht mit ihnen. Ein großer Teil des Publikums hält Künstler für Dienstleister. Und viele Autoren und Autorinnen schreiben ja um ihr Leben. Sie müssen über Marktsegmente, Zielgruppen, Trends nachdenken. Aber weil etwas notwendig ist, muss man es nicht auch noch gut finden.

Liebe Leute, ihr müsst euch nicht identifizieren, nicht mit der allgemeinen Meinung, nicht mit der Bildzeitung, den „Medien“ oder dem Wetterbericht! Seit wann sind Dichter dazu da, dem Publikum nach dem Maul zu reden?

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Wir wollen keine Namen nennen

Diesen Text habe ich für unseren neuen Blog geschrieben. Am Tag der Poesie hatte er im Hamburger Tropenhaus Premiere. Dass ich mich gerade mit Poetry Slam beschäftigt habe, als er entstand, merkt Ihr ihm sicherlich an:

 

 
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Weder Bildungsbluff noch Bildungsfeindlichkeit

In meinen literarischen Texten geht es mir nicht darum, das zu sagen, was ich sowieso schon weiß. Oder etwas zu sagen, was ich auch in einem Sachtext ausdrücken könnte. Ich schreibe, weil ich etwas herausbekommen möchte über Sprache, Sprechen, die Welt, mich selbst. Mich interessiert, was passiert, wenn ich mich aus den üblichen Mustern fortbewege und mich auf die Sprache einlasse. Im Zentrum steht für mich die Frage: Wie schaffe ich es, dass mein Text sich neuen Wahrnehmungen öffnet und sie nicht sofort wieder der gewohnten Sprache unterwirft?
Wenn ich einen Satz geschrieben habe, der zu dem zu passen scheint, was ich sagen will, frage ich mich: Habe ich wirklich zur Sprache gebracht, was ich suche, manchmal nur ahne? Oder habe ich mich vorschnell dem gewöhnlichen Sprechen angepasst und damit alles Abweichende wieder verschüttet?
Ich schreibe nicht langsam, aber ich brauche viel Zeit, um über mein Geschriebenes nachzudenken. Dabei helfen mir Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die eigene Wege gehen, die etwas ausprobieren, etwas wagen, auch solche, die längst verstorben sind wie Arthur Schnitzler, Alfred Döblin oder Kurt Schwitters. Sie helfen mir gleich zweifach: Die Lektüre macht Mut, selbst zu experimentieren, und erweitert die eigene Ausdrucks-Palette.
Aber ob beim Lesen oder beim Schreiben, stets versuche ich, locker mit Literatur umzugehen: kein Bildungsbluff, aber auch keine Bildungsfeindlichkeit.

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Mein Lieblingspublikum

Ich schreibe für Menschen, die ebenso offen sind für Populär- wie für Hochkultur, aber beiden misstrauen. Unterhaltung ist ihnen auf die Dauer zu unreflektiert, Hochkultur zu sehr abgestellt auf soziale Distinktion. Die Großmäuligkeit der einen geht mir ebenso auf die Nerven wie die Angeberei der anderen.

Mein Lieblingspublikum ist in Bewegung und sucht die Bewegung auch in der Literatur. Es hat Lust am Denken und Spaß am Spiel mit Figuren, Sprache, Perspektiven.

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Der Rote Faden 1

Ohne geht gar nicht!, sagte neulich beim Autorenstammtisch eine Schriftstellerin im geblümten Sommerkleid. Alle nickten. Ein Text ohne roten Faden ist ein kollektives No-Go.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wie rigide sie denkt. Kinder, haltet euch schön fest, sonst fallt ihr über Bord und ertrinkt im Meer der Möglichkeiten.

Oft höre ich, wie entscheidend der rote Faden sei und dass ich meine Geschichten gefälligst stringenter erzählen solle, ohne Nebenwege, Umwege und Abwege.

Auf dem Nachhauseweg im Bus, als es natürlich zu spät war, fiel mir Heinrich Heine ein. Schon vor 150 Jahren hat er auf Spannungsdramaturgie verzichtet und seine eigene Schreibweise gefunden. Er verknüpft Disparates, ohne es an den roten Faden zu fesseln. Seine Reisebilder sind locker verbunden durch die Reiseroute, die Orte, die die Kutsche passiert. In Deutschland – ein Wintermärchen etwa führt der Bogen vom Ausgangsort (Aachen) über mehrere Stationen bis zum Ziel (Hamburg). Dazwischen ist alles möglich. Dem Reisenden begegnen ganz unterschiedliche Geschichten, Reflexionen, Gedichte, Träume. Auch seine Gedanken gehen auf die Reise. Er schläft ein, und plötzlich ist er am Kyffhäuser, mehrere hundert Kilometer weiter östlich.

Als ich aus dem Bus stieg, dachte ich, Heine hätte mich verstanden.

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Der Rote Faden 2

Wer hat eigentlich den roten Faden erfunden?

Die Metapher ist durch Goethe in die deutsche Sprache gekommen. In seinem Roman Die Wahlverwandtschaften heißt es:

Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie der Krone gehören.[1]

Der rote Faden ordnet das Leben zu einer stringenten Erzählung, denn von sich aus verläuft es nicht immer folgerichtig. Erst das Erzählen schafft den linearen Zusammenhang. Wenn man nun alles mit dem Faden festbindet und was stört, weglässt, so täuscht man etwas vor, was nicht ist. Eine Erzählung oder ein Roman, die sehr stringent voranschreiten, reduzieren die Komplexität der Wirklichkeit. Je stringenter, desto mehr.

[1] Goethe, Die Wahlverwandtschaften, in Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, S. 52065, vgl. Goethe-HA Bd. 6, S. 368

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Der Rote Faden 3

Ein Text, der uns lieb und wichtig ist, ist der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Ein „Vorbild“. In Anführungszeichen. In unserer Reihe Dicke Bücher beschäftigen wir uns damit.

Musils Hauptfigur Ulrich hat Vorbehalte gegen die überkommenen Gesetze des epischen Erzählens:

Und als einer jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen, fiel ihm ein, dass das Gesetz dieses Lebens, nachdem man sich, überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin besteht, dass man sagen kann: „Als das geschehen war, hat sich jenes ereignet!“ Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen (…), was uns beruhigt; die auf Reihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, eben jenen berühmten „Faden der Erzählung“, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann „als“, „ehe“ und „nachdem“! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. (…)

Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler. (…) Sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, dass ihr Leben einen „Lauf“ habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und Ulrich bemerkte nun, dass ihm dieses primitiv Epische abhandengekommen sei, woran das private Leben noch festhält, obgleich öffentlich alles schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem „Faden“ mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet. (M.o.E., Reinbek 1984/ 1978, S. 650)

Der rote Faden schafft also das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, wie Musil formuliert. Viele Leser suchen Ordnung in der Literatur und im Leben; und wenn’s im Leben schwierig wird, wenigstens im Buch. Da fühlen sie sich irgendwie im Chaos geborgen.

Das Leben besteht ja aus disparaten Eindrücken, sowohl draußen in der Welt als auch im eigenen Kopf. Unsere Gedanken driften in alle Richtungen auseinander.

Wenn wir versuchen, etwas zu verstehen, ordnen wir. Im Grunde ist Denken ein Prozess des Ordnens. Der Denkfehler vieler besteht darin, dass sie glauben, es gäbe eine Ordnung. Sie sei schon da, und wir müssten sie nur finden.

Tatsächlich stellen wir sie immer wieder her durch unser Denken.

Leute, die Angst vor Unordnung haben, lesen gern ordentliche Bücher. Leute, die Spaß am Denken haben, erfreuen sich an nicht ganz so ordentlichen.

Ulrich ist das primitiv Epische abhandengekommen. Er sieht stattdessen eine unendlich verwobene Fläche, sieht den Text als Textil, als Gewebe. Das ist modern an Musils Roman.

Wer Text und Leben als Gewebe betrachtet, hängt nicht an einem Faden, sondern er vernetzt sich. Er hat mehr Freiraum, aber auch mehr Möglichkeiten, sich zu verwirren oder verwirrt zu werden.

Am Ideal eines einzigen ordentlichen Fadens festzuhalten, scheint uns gefährlich. Wie leicht führt es dazu, alles Abweichende, Fremde zu bekämpfen, das sich nicht mit dem roten Faden der Erzählung fesseln lässt.

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