Schwitters und ich

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir!
Kurt Schwitters Texte faszinieren mich schon seit 30 Jahren. Sie werden mir nie langweilig.
Ewig währt am längsten.
Mit diesen Texten habe ich mich immer wieder beschäftigt als Autorin und Literaturperformerin.
Lucie, du liebst mich nicht? Wohl weil ich ein Frisör bin?
Sogar beim Stadtpark-Spaziergang und bei unserer Luftfahrtlesung zum Thema „Fliegen“ habe ich ein Gedicht von ihm untergebracht.
Der Tod hat rote Beinchen, das Leben grüne.

Ist er mein Vorbild?
Hmm … Ich schreibe nicht wie er. Ich bin kein Mann. Ich bin auch kein Fan. Er ist mir fremd, und trotzdem oder gerade deshalb fasziniert mich seine Kunst.
Jedes Mal, wenn ich mich wieder mit Schwitters beschäftige, wie für dieses Programm entdecke ich Seiten von ihm, die mir früher entgangen sind oder die ich schon einmal verstanden und wieder vergessen habe.

Eine hatte ich ganz ausgeblendet:
Den Werbemenschen Schwitters.
Er hat nicht nur für Pelikan Reklame gemacht, sondern auch für seine Vortragsabende.

Dies ist ein von ihm entworfener Einladungszettel für einen MERZ-Vortragsabend. Links an der Seite steht:
Bitte sagen Sie es Ihren Freunden und Bekannten und senden Sie mir recht viele Adressen.
Man fasst es nicht! Das schreibt er da hin. Ganz schlicht.
Mir ist Werbung zuwider. Für mich selbst Werbung machen – grauenhaft! Ich breche mir sämtliche Verzierungen ab, und der fordert die Leute auf, ihm Adressen zu schicken …!

Eine andere Seite von Schwitters Persönlichkeit ist
Der Vortragskünstler
Auch den veranschaulicht diese Einladung.
Er ist mir von Anfang an sympathisch gewesen. Kurt Schwitters ist einer der wenigen Schriftsteller, für den das Vortragen eine große Rolle spielt. Er reiste kreuz und quer durch Deutschland, Holland und sogar nach Prag; in seiner Wohnung veranstaltete er alle 14 Tage MERZ-Abende. Das hat mich bestärkt in meinem eigenen Rezitationsdrang.

Die klangliche Dimension der Texte spielt eine wichtige Rolle. Sie entfalten ihre Wirkung besonders, wenn man sie hört, denn sie sind für den Vortrag gemacht und viele Male vorgelesen worden. Was man ihnen anmerkt. Ich denke, man spürt das heute Abend.
Wir lieben es, unsere Texte in den Mund zu nehmen, sie klanglich zu gestalten und sie aktiv einem Publikum zu präsentieren. Also nicht bloß unfallfrei runterlesen. Erst im Vortrag erfüllt sich das Gedicht. Für die Zuhörer ist klangliche Gestaltung eine Chance, ins Sprachspiel einzusteigen, sich nicht nur abfüttern zu lassen.

Eine dritte Seite von Kurt Schwitters hat mir schon immer eingeleuchtet:
Sein Humor.
Humor ist eine heikle Angelegenheit. Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen davon, was das sei.
In den Augen meines Vaters waren es Heinz Rühmann, die Büttenreden bei Mainz wie es singt und lacht oder diese Kugelschreiber, wo einer Frau der Badeanzug runterrutschte, wenn man sie umdrehte.
Meine Lehrer reagierten auf diese Vorstellungen von Humor, indem sie ihn pauschal verachteten. Irgendwie hatten sie auch Recht, aber nur irgendwie. Weil ein Teil des Publikums sehr schlichte Vorstellungen vom Komischen hat wie mein Vater, behaupteten sie pauschal, das Komische sei nichts wert. So haben ihnen ihre sozialen Vorurteile den Blick getrübt.
Hinzu kam ein Missverständnis, das seit Jahrhunderten durch die Literaturgeschichte geistert: Die Meinung, das Komische sei weniger wertvoll als das Tragische. Manche halten Komik für unschön. Die Gebildeten haben sich da oft auf Aristoteles berufen, von dem nur knappe, fragmentarische Äußerungen zur Komödientheorie überliefert sind. Er schrieb,  die Komödie sei eine nachahmende Darstellung von niedrigen Charakteren, und das Lächerliche sei ein Teil des Unschönen.
Schiller hat versucht, das Komische aufzuwerten. Mit einer interessanten Argumentation. Er sagt, da das Komische sich mit dem wirklichen Leben beschäftigt, sei es der Gefahr der Plattheit ausgesetzt. Das verlange dem Autor ein Höchstmaß an ästhetischen Fähigkeiten ab, die Tragik hingegen sei eigentlich viel einfacher, sie trage einen empor. Aus Schillers Sicht ist es schwieriger, einen komischen Text zu schreiben als einen tragischen.
Ich hingegen habe von Dichtern wie Heinrich Heine oder Kurt Schwitters gelernt, dass Humor ein Lebensmittel sein kann.
Schwitters Lachen ist frei von Häme und Zynismus; er hat nichts Ätzendes. Ein freundlicher, warmer, selbstironischer Witz. Über-sich-selber-Lachen ist ja eine harte Nummer für Kleinbürger, die sich schwer plagen mit der Angst, nicht ernst genommen zu werden.

Der Kleinbürger Schwitters
In dieser Einladung gibt es übrigens noch zwei weitere interessante Details.
Rechts am Rand steht:
•     Beginn 20 Uhr30 Min. (womit nicht 21 Uhr gemeint ist)
Mich nervt es auch, wenn zwei Minuten nach Beginn der Vorstellung noch jemand hereinplatzt. Das stört natürlich sehr. Aber der erhobene Zeigefinger ist rechthaberisch.
•     Sagen Sie es nachher allen, wie nett es gewesen ist!
Kleinbürger lieben es, wenn etwas nett ist …
Auch aus Schwitters wohl berühmtestem Gedicht An Anna Blume spricht ein Kleinbürger. O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne … lautet der Anfangssatz. Das ist schwer pathetisch, allerdings ironisiert. Der kleine Mann, wenn er von Gefühlen spricht, neigt zum Pathetischen, und er wird gern sentimental. Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier … Auch das Kleinbürgerlich-Sentimentale ironisiert Schwitters, und trotzdem oder gerade deshalb tropft es uns den Rücken runter wie weiches Rindertalg.
Der Kunsthistoriker Werner Schmalenbach erklärt den großen Erfolg von Anna Blume so: Schwitters selbst war nicht frei vom Kleinbürgerlichen und Sentimentalen. Das gibt dem Gedicht (…) den Charme, die Echtheit und wohl auch die besondere Zündkraft. Schwitters verulkte eben die Welt des Kleinbürgers nicht nur, sondern verstand sie aus eigener Nähe und Familiarität.
(Werner Schmalenbach: Kurt Schwitters, Prestel-Verlag, München, 1984, S. 215)

Wie wahr!
Wir Kleinbürger sind so piefig, miefig, voll Ressentiment, und immer müssen wir mit unseren Zeigefingern in der Luft herumfuchteln. Grauenhaft! Und dieser Schwitters spielt damit! Mit schöner Leichtigkeit…! Chapeau!

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Ein Kommentar zu Schwitters und ich

  1. Anja Eisner sagt:

    Deine Ängste sind nur zu gut verständlich! Erstens (sagt mein Innerstes): Wenn ich wirklich gut bin (und ich bin schon ganz schön gut, sagt das Innerste heimlich), dann setze ich mich schon durch, dann muss ich meine Talente nicht wie Sauerbier anbieten (ich bin kein Sauerbier, ich bin schon ziemlich gut, mein Wert steigt nicht durch Werbung). Und Zweitens ist es leichter zu ertragen, wenn meine Freundinnen oder Bekannten „Rezepte, Produkte, Reiseziele, Klamotten“ nicht mögen, die mir gefallen und die ich ihnen empfohlen habe, als wenn sie nicht in eine Vorstellung gehen, für die ich Monate gearbeitet habe, für die ich brenne. Dort, wo ich für etwas brenne, bin ich am verletzlichsten …

    Der „Witz“ ist doch, dass es nicht um Sauerbier geht, man selbst aber den Eindruck hat, welches anpreisen zu müssen, weil das, worauf man doch recht stolz ist, „von selbst“ nicht genügend Anklang/Verbreitung/Aufmerksamkeit findet. Wer so fühlt, schlägt nicht mit Keulen auf andere ein, der freut sich mit jedem, der dieses Problem mit Eigenwerbung nicht hat – und leidet selber trotzdem weiter.

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