Der Rote Faden 3

Ein Text, der uns lieb und wichtig ist, ist der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Ein „Vorbild“. In Anführungszeichen. In unserer Reihe Dicke Bücher beschäftigen wir uns damit.

Musils Hauptfigur Ulrich hat Vorbehalte gegen die überkommenen Gesetze des epischen Erzählens:

Und als einer jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen, fiel ihm ein, dass das Gesetz dieses Lebens, nachdem man sich, überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei als das der erzählerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin besteht, dass man sagen kann: „Als das geschehen war, hat sich jenes ereignet!“ Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen (…), was uns beruhigt; die auf Reihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, eben jenen berühmten „Faden der Erzählung“, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann „als“, „ehe“ und „nachdem“! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. (…)

Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler. (…) Sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, dass ihr Leben einen „Lauf“ habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und Ulrich bemerkte nun, dass ihm dieses primitiv Epische abhandengekommen sei, woran das private Leben noch festhält, obgleich öffentlich alles schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem „Faden“ mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet. (M.o.E., Reinbek 1984/ 1978, S. 650)

Der rote Faden schafft also das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, wie Musil formuliert. Viele Leser suchen Ordnung in der Literatur und im Leben; und wenn’s im Leben schwierig wird, wenigstens im Buch. Da fühlen sie sich irgendwie im Chaos geborgen.

Das Leben besteht ja aus disparaten Eindrücken, sowohl draußen in der Welt als auch im eigenen Kopf. Unsere Gedanken driften in alle Richtungen auseinander.

Wenn wir versuchen, etwas zu verstehen, ordnen wir. Im Grunde ist Denken ein Prozess des Ordnens. Der Denkfehler vieler besteht darin, dass sie glauben, es gäbe eine Ordnung. Sie sei schon da, und wir müssten sie nur finden.

Tatsächlich stellen wir sie immer wieder her durch unser Denken.

Leute, die Angst vor Unordnung haben, lesen gern ordentliche Bücher. Leute, die Spaß am Denken haben, erfreuen sich an nicht ganz so ordentlichen.

Ulrich ist das primitiv Epische abhandengekommen. Er sieht stattdessen eine unendlich verwobene Fläche, sieht den Text als Textil, als Gewebe. Das ist modern an Musils Roman.

Wer Text und Leben als Gewebe betrachtet, hängt nicht an einem Faden, sondern er vernetzt sich. Er hat mehr Freiraum, aber auch mehr Möglichkeiten, sich zu verwirren oder verwirrt zu werden.

Am Ideal eines einzigen ordentlichen Fadens festzuhalten, scheint uns gefährlich. Wie leicht führt es dazu, alles Abweichende, Fremde zu bekämpfen, das sich nicht mit dem roten Faden der Erzählung fesseln lässt.

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4 Kommentare zu Der Rote Faden 3

  1. Willy de Winter sagt:

    Haltet Euch lieber an Kurt Schwitters:
    „Reife Fäden sind rot. Ich grüne rote Fäden, deren Ende zweigespalten in einen roten Trichter wipfelt. (…) Das ist das allermerkwürdigste dabei, aber gerade darauf kommt es doch letzten Endes immer wieder an“
    (Kurt Schwitters, Der dich behütet schläft nicht, in: Anna Blume und ich, Zürich 1965, S.179)

  2. Frau Junggeburth sagt:

    „Ich habe so etwas Komisches im Gefühl…Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über.“ Schlag´s nach bei Musil!!

    • Lutz sagt:

      Findet Ihr nicht auch, das im öffentlichen Raum Ordnungsrufe zunehmen? Warum muss jeder jederzeit zu jedem Thema eine Meinung haben, statt mal zu sagen: Ich weiß es doch auch nicht; fragen wir lieber mal. Weshalb suchen viele in der Literatur das, was sie sowieso wissen? Aus Angst vor eigenen Zweifeln, mit denen man sich alleingelassen fühlt? Sind es diese Zweifel, die zum Bedürfnis nach Totschlag führen? Vielleicht sollten wir mehr übers Zweifeln reden und schreiben, damit es nicht zum Totschlag kommt.

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