{"id":337,"date":"2018-03-13T18:17:01","date_gmt":"2018-03-13T17:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=337"},"modified":"2018-12-29T19:24:15","modified_gmt":"2018-12-29T18:24:15","slug":"dumm-und-zufrieden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=337","title":{"rendered":"Dumm und zufrieden"},"content":{"rendered":"<p>Dummheit ist einfach, abweichendes Denken schwer. Didier Eribon formuliert das so:<\/p>\n<p>\u201eHergebrachte Empfindungen und peinliche Vorurteile k\u00f6nnen in unserem Alltagsleben auch dann noch weiterleben, wenn wir sie reflexiv zu analysieren und aufzul\u00f6sen versuchen. (\u2026) Mit dem eigenen politischen Denken \u00fcbereinzustimmen ist wahrscheinlich unendlich viel leichter, wenn man konservativ ist und sich der Ordnung der Dinge anschlie\u00dft, als wenn man die Strukturen der Welt, in die man ganz zwangsl\u00e4ufig eingebettet ist, und auch das eigene Selbst ver\u00e4ndern will. (Im ersten Fall gen\u00fcgt es einfach, dumm und mit seiner eigenen Dummheit zufrieden zu sein: Man l\u00e4sst sich in die gesellschaftlich autorisierte Dummheit fallen, die nur als ein \u201eDenken\u201c erscheinen kann, weil sie so weit verbreitet ist und deshalb den Erwartungshorizont bestimmt.)\u201c<br \/>\n(Gesellschaft als Urteil, Berlin 2017, S. 66f.)<\/p>\n<p>Dummheit geht einher mit falscher Selbstsicherheit. Ein dummer Mensch schmiegt sich herrschenden Sprechmustern an und feiert, dass alles sich von selbst versteht.<\/p>\n<p>Ich leide unter der Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Neulich sprach mich einmal mehr ein Kursteilnehmer an: Autoren schreiben doch f\u00fcr ihr Publikum, oder nicht?<\/p>\n<p>Anders formuliert: Autorinnen und Autoren sollen gef\u00e4lligst so schreiben, dass wir sie verstehen.<\/p>\n<p>Naja, sage ich, wenn ich meinen Freunden und Nachbarn etwas mitteilen m\u00f6chte, dann sag ich\u2019s direkt. Oder ich schicke eine Mail. Daf\u00fcr brauche ich keine Literatur.<\/p>\n<p>Kommunikation bedeutet allerdings auch Anpassung. Die Macht der Kommunikation und des Gegen\u00fcbers sind st\u00e4rker als mancher meint. S\u00e4tze sind verst\u00e4ndlich oder besser: selbstverst\u00e4ndlich, wenn sie sich dem allgemeinen Sprachgebrauch anschmiegen. Mein Schreiben ist ein Versuch, mir einen eigenen Echoraum zu schaffen gegen Machtverh\u00e4ltnisse in der Sprache und in der Welt.<\/p>\n<p>Wenn ich dichte, taste ich mich ins Noch-nicht-Formulierte vor, das nicht v\u00f6llig der sprachlichen Normierung unterliegt. Ich sp\u00fcre\u00a0 versteckten Bedeutungen nach, erforsche das geheime Leben von Schichten, Klassen, Gesellschaften, die sprachlichen Machtverh\u00e4ltnisse. Manchmal entdecke ich unformulierte eigene Interessen. Gelegentlich wird mir die Sprache so fremd, dass ich stammle. Wenn ich von dem erz\u00e4hle, was ich noch nicht genau aussprechen kann, beginne ich ein Kapitel zehnmal \u2013 und es ist immer falsch.<\/p>\n<p>Dummheit ist einfach, Dichten schwer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dummheit ist einfach, abweichendes Denken schwer. Didier Eribon formuliert das so: \u201eHergebrachte Empfindungen und peinliche Vorurteile k\u00f6nnen in unserem Alltagsleben auch dann noch weiterleben, wenn wir sie reflexiv zu analysieren und aufzul\u00f6sen versuchen. 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