{"id":311,"date":"2018-03-04T17:27:42","date_gmt":"2018-03-04T16:27:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=311"},"modified":"2018-12-29T19:26:21","modified_gmt":"2018-12-29T18:26:21","slug":"schwitters-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=311","title":{"rendered":"Schwitters und ich"},"content":{"rendered":"<p><em>O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir!<\/em><br \/>\nKurt Schwitters Texte faszinieren mich schon seit 30 Jahren. Sie werden mir nie langweilig.<br \/>\n<em>Ewig w\u00e4hrt am l\u00e4ngsten.<\/em><br \/>\nMit diesen Texten habe ich mich immer wieder besch\u00e4ftigt als Autorin und Literaturperformerin.<br \/>\n<em>Lucie, du liebst mich nicht? Wohl weil ich ein Fris\u00f6r bin?<\/em><br \/>\nSogar beim Stadtpark-Spaziergang und bei unserer Luftfahrtlesung zum Thema \u201e<em>Fliegen<\/em>\u201c habe ich ein Gedicht von ihm untergebracht.<br \/>\n<em>Der Tod hat rote Beinchen, das Leben gr\u00fcne.<\/em><\/p>\n<p>Ist er mein Vorbild?<br \/>\nHmm \u2026 Ich schreibe nicht wie er. Ich bin kein Mann. Ich bin auch kein Fan. Er ist mir fremd, und trotzdem oder gerade deshalb fasziniert mich seine Kunst.<br \/>\nJedes Mal, wenn ich mich wieder mit Schwitters besch\u00e4ftige, wie f\u00fcr dieses Programm entdecke ich Seiten von ihm, die mir fr\u00fcher entgangen sind oder die ich schon einmal verstanden und wieder vergessen habe.<\/p>\n<p>Eine hatte ich ganz ausgeblendet:<br \/>\n<strong><u>Den Werbemenschen Schwitters.<\/u><\/strong><br \/>\nEr hat nicht nur f\u00fcr Pelikan Reklame gemacht, sondern auch f\u00fcr seine Vortragsabende.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-319\" src=\"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Einladung-zum-MERZ-Vortragsabend_30cm_96dpi-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"385\" height=\"547\" srcset=\"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Einladung-zum-MERZ-Vortragsabend_30cm_96dpi-211x300.jpg 211w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Einladung-zum-MERZ-Vortragsabend_30cm_96dpi-768x1093.jpg 768w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Einladung-zum-MERZ-Vortragsabend_30cm_96dpi-719x1024.jpg 719w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Einladung-zum-MERZ-Vortragsabend_30cm_96dpi.jpg 1134w\" sizes=\"(max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><br \/>\nDies ist ein von ihm entworfener Einladungszettel f\u00fcr einen MERZ-Vortragsabend. Links an der Seite steht:<br \/>\n<em>Bitte sagen Sie es Ihren Freunden und Bekannten und senden Sie mir recht viele Adressen.<\/em><br \/>\nMan fasst es nicht! Das schreibt er da hin. Ganz schlicht.<br \/>\nMir ist Werbung zuwider. F\u00fcr mich selbst Werbung machen \u2013 grauenhaft! Ich breche mir s\u00e4mtliche Verzierungen ab, und der fordert die Leute auf, ihm Adressen zu schicken \u2026!<\/p>\n<p>Eine andere Seite von Schwitters Pers\u00f6nlichkeit ist<br \/>\n<strong><u>Der Vortragsk\u00fcnstler<\/u><\/strong><br \/>\nAuch den veranschaulicht diese Einladung.<br \/>\nEr ist mir von Anfang an sympathisch gewesen. Kurt Schwitters ist einer der wenigen Schriftsteller, f\u00fcr den das Vortragen eine gro\u00dfe Rolle spielt. Er reiste kreuz und quer durch Deutschland, Holland und sogar nach Prag; in seiner Wohnung veranstaltete er alle 14 Tage <em>MERZ-Abende<\/em>. Das hat mich best\u00e4rkt in meinem eigenen Rezitationsdrang.<\/p>\n<p>Die klangliche Dimension der Texte spielt eine wichtige Rolle. Sie entfalten ihre Wirkung besonders, wenn man sie h\u00f6rt, denn sie sind f\u00fcr den Vortrag gemacht und viele Male vorgelesen worden. Was man ihnen anmerkt. Ich denke, man sp\u00fcrt das heute Abend.<br \/>\nWir lieben es, unsere Texte in den Mund zu nehmen, sie klanglich zu gestalten und sie aktiv einem Publikum zu pr\u00e4sentieren. Also nicht blo\u00df unfallfrei runterlesen. Erst im Vortrag erf\u00fcllt sich das Gedicht. F\u00fcr die Zuh\u00f6rer ist klangliche Gestaltung eine Chance, ins Sprachspiel einzusteigen, sich nicht nur abf\u00fcttern zu lassen.<\/p>\n<p>Eine dritte Seite von Kurt Schwitters hat mir schon immer eingeleuchtet:<br \/>\n<strong><u>Sein Humor.<\/u><\/strong><br \/>\nHumor ist eine heikle Angelegenheit. Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen davon, was das sei.<br \/>\nIn den Augen meines Vaters waren es Heinz R\u00fchmann, die B\u00fcttenreden bei <em>Mainz wie es singt und lacht<\/em> oder diese Kugelschreiber, wo einer Frau der Badeanzug runterrutschte, wenn man sie umdrehte.<br \/>\nMeine Lehrer reagierten auf diese Vorstellungen von Humor, indem sie ihn pauschal verachteten. Irgendwie hatten sie auch Recht, aber nur irgendwie. Weil ein Teil des Publikums sehr schlichte Vorstellungen vom Komischen hat wie mein Vater, behaupteten sie pauschal, das Komische sei nichts wert. So haben ihnen ihre sozialen Vorurteile den Blick getr\u00fcbt.<br \/>\nHinzu kam ein Missverst\u00e4ndnis, das seit Jahrhunderten durch die Literaturgeschichte geistert: Die Meinung, das Komische sei weniger wertvoll als das Tragische. Manche halten Komik f\u00fcr unsch\u00f6n. Die Gebildeten haben sich da oft auf Aristoteles berufen, von dem nur knappe, fragmentarische \u00c4u\u00dferungen zur Kom\u00f6dientheorie \u00fcberliefert sind. Er schrieb,\u00a0 die Kom\u00f6die sei eine nachahmende Darstellung von niedrigen Charakteren, und das L\u00e4cherliche sei ein Teil des Unsch\u00f6nen.<br \/>\nSchiller hat versucht, das Komische aufzuwerten. Mit einer interessanten Argumentation. Er sagt, da das Komische sich mit dem wirklichen Leben besch\u00e4ftigt, sei es der Gefahr der Plattheit ausgesetzt. Das verlange dem Autor ein H\u00f6chstma\u00df an \u00e4sthetischen F\u00e4higkeiten ab, die Tragik hingegen sei eigentlich viel einfacher, sie trage einen empor. Aus Schillers Sicht ist es schwieriger, einen komischen Text zu schreiben als einen tragischen.<br \/>\nIch hingegen habe von Dichtern wie Heinrich Heine oder Kurt Schwitters gelernt, dass Humor ein Lebensmittel sein kann.<br \/>\nSchwitters Lachen ist frei von H\u00e4me und Zynismus; er hat nichts \u00c4tzendes. Ein freundlicher, warmer, selbstironischer Witz. \u00dcber-sich-selber-Lachen ist ja eine harte Nummer f\u00fcr Kleinb\u00fcrger, die sich schwer plagen mit der Angst, nicht ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p><strong><u>Der Kleinb\u00fcrger Schwitters<\/u><\/strong><br \/>\nIn dieser Einladung gibt es \u00fcbrigens noch zwei weitere interessante Details.<br \/>\nRechts am Rand steht:<br \/>\n\u2022\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Beginn 20 Uhr30 Min. (womit nicht 21 Uhr gemeint ist)<\/em><br \/>\nMich nervt es auch, wenn zwei Minuten nach Beginn der Vorstellung noch jemand hereinplatzt. Das st\u00f6rt nat\u00fcrlich sehr. Aber der erhobene Zeigefinger ist rechthaberisch.<br \/>\n\u2022\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Sagen Sie es nachher allen, wie <u>nett<\/u> es gewesen ist!<\/em><br \/>\nKleinb\u00fcrger lieben es, wenn etwas <em>nett<\/em> ist \u2026<br \/>\nAuch aus Schwitters wohl ber\u00fchmtestem Gedicht <em>An Anna Blume<\/em> spricht ein Kleinb\u00fcrger. <em>O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne \u2026 <\/em>lautet der Anfangssatz. Das ist schwer pathetisch, allerdings ironisiert. Der<em> kleine Mann<\/em>, wenn er von Gef\u00fchlen spricht, neigt zum Pathetischen, und er wird gern sentimental. <em>Du schlichtes M\u00e4dchen im Alltagskleid, du liebes gr\u00fcnes Tier \u2026 <\/em>Auch das Kleinb\u00fcrgerlich-Sentimentale ironisiert Schwitters, und trotzdem oder gerade deshalb tropft es uns den R\u00fccken runter wie <em>weiches Rindertalg<\/em>.<br \/>\nDer Kunsthistoriker Werner Schmalenbach erkl\u00e4rt den gro\u00dfen Erfolg von Anna Blume so: Schwitters selbst war nicht frei vom Kleinb\u00fcrgerlichen und Sentimentalen. Das <em>gibt dem Gedicht (\u2026) den Charme, die Echtheit und wohl auch die besondere Z\u00fcndkraft. Schwitters verulkte eben die Welt des Kleinb\u00fcrgers nicht nur, sondern verstand sie aus eigener N\u00e4he und Familiarit\u00e4t.<\/em><br \/>\n(Werner Schmalenbach: Kurt Schwitters, Prestel-Verlag, M\u00fcnchen, 1984, S. 215)<\/p>\n<p>Wie wahr!<br \/>\nWir Kleinb\u00fcrger sind so piefig, miefig, voll Ressentiment, und immer m\u00fcssen wir mit unseren Zeigefingern in der Luft herumfuchteln. Grauenhaft! Und dieser Schwitters spielt damit! Mit sch\u00f6ner Leichtigkeit\u2026! Chapeau!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! Kurt Schwitters Texte faszinieren mich schon seit 30 Jahren. Sie werden mir nie langweilig. Ewig w\u00e4hrt am l\u00e4ngsten. 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