{"id":119,"date":"2017-03-05T20:35:54","date_gmt":"2017-03-05T19:35:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=119"},"modified":"2017-03-12T19:06:41","modified_gmt":"2017-03-12T18:06:41","slug":"der-rote-faden-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/?p=119","title":{"rendered":"Der Rote Faden 3"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-81 aligncenter\" src=\"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Poesielabor-Banner-2-300x111.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"111\" srcset=\"http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Poesielabor-Banner-2-300x111.png 300w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Poesielabor-Banner-2-768x284.png 768w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Poesielabor-Banner-2-1024x379.png 1024w, http:\/\/blog.hamburgerliteraturreisen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Poesielabor-Banner-2.png 1960w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Ein Text, der uns lieb und wichtig ist, ist der <em>Mann ohne Eigenschaften<\/em> von Robert Musil. Ein \u201eVorbild\u201c. In Anf\u00fchrungszeichen. In unserer Reihe Dicke B\u00fccher besch\u00e4ftigen wir uns damit.<\/p>\n<p>Musils Hauptfigur Ulrich hat Vorbehalte gegen die \u00fcberkommenen Gesetze des epischen Erz\u00e4hlens:<\/p>\n<p><em>Und als einer jener scheinbar abseitigen und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare Bedeutung gewannen, fiel ihm ein, dass das Gesetz dieses Lebens, nachdem man sich, \u00fcberlastet und von Einfalt tr\u00e4umend, sehnt, kein anderes sei als das der erz\u00e4hlerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin besteht, dass man sagen kann: \u201eAls das geschehen war, hat sich jenes ereignet!\u201c Es ist die einfache Reihenfolge, die Abbildung der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer eindimensionalen (\u2026), was uns beruhigt; die auf Reihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, eben jenen ber\u00fchmten \u201eFaden der Erz\u00e4hlung\u201c, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann \u201eals\u201c, \u201eehe\u201c und \u201enachdem\u201c! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. (\u2026)<\/em><\/p>\n<p><em>Die meisten Menschen sind im Grundverh\u00e4ltnis zu sich selbst Erz\u00e4hler. (\u2026) Sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und f\u00fchlen sich durch den Eindruck, dass ihr Leben einen \u201eLauf\u201c habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und Ulrich bemerkte nun, dass ihm dieses primitiv Epische abhandengekommen sei, woran das private Leben noch festh\u00e4lt, obgleich \u00f6ffentlich alles schon unerz\u00e4hlerisch geworden ist und nicht einem \u201eFaden\u201c mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fl\u00e4che ausbreitet. (M.o.E., Reinbek 1984\/ 1978, S. 650)<\/em><\/p>\n<p>Der rote Faden <em>schafft<\/em> also <em>das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, <\/em>wie Musil formuliert. Viele Leser suchen Ordnung in der Literatur und im Leben; und wenn\u2019s im Leben schwierig wird, wenigstens im Buch. Da f\u00fchlen sie sich <em>irgendwie im Chaos geborgen<\/em>.<\/p>\n<p>Das Leben besteht ja aus disparaten Eindr\u00fccken, sowohl drau\u00dfen in der Welt als auch im eigenen Kopf. Unsere Gedanken driften in alle Richtungen auseinander.<\/p>\n<p>Wenn wir versuchen, etwas zu verstehen, ordnen wir. Im Grunde ist Denken ein Prozess des Ordnens. Der Denkfehler vieler besteht darin, dass sie glauben, es <em>g\u00e4be <\/em>eine Ordnung. Sie sei schon da, und wir m\u00fcssten sie nur finden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stellen wir sie immer wieder her durch unser Denken.<\/p>\n<p>Leute, die Angst vor Unordnung haben, lesen gern ordentliche B\u00fccher. Leute, die Spa\u00df am Denken haben, erfreuen sich an nicht ganz so ordentlichen.<\/p>\n<p>Ulrich ist das <em>primitiv Epische<\/em> abhandengekommen. Er sieht stattdessen eine <em>unendlich verwobene Fl\u00e4che<\/em>, sieht den Text als Textil, als Gewebe. Das ist modern an Musils Roman.<\/p>\n<p>Wer Text und Leben als Gewebe betrachtet, h\u00e4ngt nicht an einem Faden, sondern er vernetzt sich. Er hat mehr Freiraum, aber auch mehr M\u00f6glichkeiten, sich zu verwirren oder verwirrt zu werden.<\/p>\n<p>Am Ideal eines einzigen ordentlichen Fadens festzuhalten, scheint uns gef\u00e4hrlich. Wie leicht f\u00fchrt es dazu, alles Abweichende, Fremde zu bek\u00e4mpfen, das sich nicht mit dem roten Faden der Erz\u00e4hlung fesseln l\u00e4sst.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Text, der uns lieb und wichtig ist, ist der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Ein \u201eVorbild\u201c. In Anf\u00fchrungszeichen. In unserer Reihe Dicke B\u00fccher besch\u00e4ftigen wir uns damit. 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